Mittlerweile war es April, als ich, nachdem ich alle erforderlichen Dokumente an Sea Chefs gesendet hatte, endlich per Mail meinen Aufstiegstermin für das Schiff erhielt. Natürlich gibt es auch Leute, bei denen das Ganze schon innerhalb eines Monats abgewickelt ist, aber ich wollte mir nicht so einen Stress mit meiner anderen Arbeit machen und habe deshalb bewusst etwas Zeit in Kauf genommen. Letztendlich konnte ich den Zeitpunkt dafür problemlos mit Saskia vorher absprechen. Mein Aufstiegstermin war der 30. April 2017 auf Mauritius. Ich bekam meine Flugdaten, verabschiedete mich von meiner Freundin und unserem Hund und machte mich auf den Weg.

Die Reise beginnt

Am Flughafen erwartete mich ein Agent und im Flugzeug selbst fiel mir direkt auf, wieviele von der Crew bereits im Flieger saßen. Es fühlte sich gleich wie eine kleine Familie an, man stellte sich gegenseitig mit seinen unterschiedlichen Positionen an Board vor und erkundigte sich natürlich vor allem bei denen, die bereits mehrere Verträge gefahren waren. Wir fuhren zum Hotel, checkten ein, trafen uns dann mit knapp 25 Leuten eine Stunde später wieder im Foyer zum Abendessen und zogen los um ein Restaurant zu suchen. Aufregung war bei mir noch nicht wirklich da was mich echt verwunderte. Wir aßen, tranken ein bis zwei Gläser zu viel, und wie es nun einmal in einer Gruppe voller Gastronomen unterschiedlichen Alters passiert, artete das Ganze etwas aus …

Nach einer kurzen Nacht, die jedoch vollkommen ausreichend war, wurden wir morgens um 5.30 Uhr von einem Bus abgeholt, der uns zum Hafen fahren sollte. Nach etwa einer Stunde Fahrt kamen wir direkt vor dem Schiff am Hafen an. Nun stand sie da, die „MS Europa 2“ – und ich war komplett sprachlos. Mir schlotterten sogar ein wenig die Beine vor Aufregung, aber da war ich sicherlich nicht der einzige. Wir schleppten unser Gepäck die Gangway hoch, wurden aufgefordert es dort abzustellen und durften einer Person ins Crew Purser Office auf Deck 5 vorne folgen. Dort musste einer nach dem anderen ins Office zur lieben Maria, die als Ansprechpartnerin vor Ort dafür sorgte, dass es uns während unseres Aufenthalts dort an nichts fehlte. Man unterschrieb seine weiteren Dokumente, bekam seine Crew Card und die Kabinennummer, in der man für die nächsten fünf Monate schlafen würde. Mittlerweile ist für Internet an Bord gesorgt und Social Media – also Facebook, Whatsapp und Instagram – ist kostenlos, bei mir kostete noch jede Minute Geld.

Meine Zeit an Bord

Die erste Woche ist einfach der Wahnsinn: Man bekommt so viel Input und versucht erst einmal klar zu kommen mit den langen und unterschiedlichen Gängen und Decks. Zudem kommt eine Menge neue Arbeit hinzu, da man von der ersten Sekunde an die Person, die für einen abgestiegen ist, voll ersetzen muss. Bei Fragen wird einem aber auch jederzeit von der hilfsbereiten Crew weitergeholfen. Schließlich gehört man zu den Neuen – und nach etwa einem Monat wechselt sich das Spiel und man ist selbst Ansprechpartner für die Neuzugänge. Es ist einfach ein Geben und Nehmen an Bord. Alle sind freundlich zueinander. Natürlich gibt es immer paar Leute, mit denen man nicht ganz so viel anfangen kann, aber letztendlich sitzen hier sprichwörtlich alle in einem Boot und sind wie eine Familie.

Auf meine Tätigkeit als Butler an Bord möchte ich an dieser Stelle nicht näher eingehen, da ich sonst noch weitere fünf Seiten schreiben würde. Falls ihr dazu Fragen habt, könnt ihr diese aber natürlich gerne in den Kommentaren stellen! Das Leben an Bord ist für mich einfach ein unbeschreibliches Gefühl, das man nirgends sonst erleben kann. Man kennt einfach jeden, verbringt sehr viel Zeit mit seinen Leuten und wenn die gerade nicht können, geht man einfach mit anderen Crew-Mitgliedern an Land – keiner würde nein sagen. Ich selbst habe fast jede freie Minute an Land verbracht und mir meine dreistündige Mittagspause auch immer gut geplant und organisiert. Dabei ist natürlich jede Stunde Landgang auch eine Stunde Mittagsschlaf, die man opfert. Das muss man dann einfach selber entscheiden, ob der Körper das mitmacht oder nicht. Letztendliche ist man ja zum Arbeiten da, aber es werden einem so viele Möglichkeiten geboten wie z. B. Crew-Ausflüge oder Overnights, die wirklich zu den absoluten Highlights zählen.

Letztendlich ich empfehle jedem in der Gastronomie, diese Erfahrung zu machen und vor allem durchzuziehen und auch mal die Zähne zusammenzubeißen. Es kommen Tage, wo einem einfach nur noch alles weh tut, die Lust nachlässt und man Stress mit dem Vorgesetzten hat, weil der Druck verdammt groß ist, man sich keine Fehler erlauben darf und 150-180 Tage jeden Tag volle Leistung bringen muss – und NEIN, es gibt keinen Tag frei. Aber man darf nie vergessen, dass man dabei nicht der einzige ist, dem es gerade so geht – die anderen ziehen es trotzdem auch durch und genau dieser Gedanke motiviert einen am Ende und stärkt einfach das Team. Diese enge Bindung untereinander ist genau das, was mich auch so begeistert hat. Wenn man am Abend mit besagter Crew an der Bar zusammensitzt, gemeinsam lacht, tanzt und einfach nur Spaß hat, ist der ganze Stress des Tages vergessen. Außerdem gibt es alle paar Wochen Crew-Partys, um das Team bei Laune zu halten.

Wieder Zuhause?

Mein erster Vertrag hatte mir so sehr Spaß gemacht, dass ich bereits an Bord meine Zusage gab, nach zwei Monaten Urlaub wieder aufzusteigen. Natürlich war ich nach 171 Tagen komplett im Eimer, konnte mich kaum noch bewegen und wollte auch einfach nur schlafen. Selbst meine Launen wurden immer entsetzlicher – unbeschreiblich, was der Körper dann mit einem macht. Die Auszeit ist danach also definitiv erst einmal notwenig. Auf der anderen Seite ist die Zeit ohne das gewohnte Team wirklich sehr komisch. Natürlich ist es schön, Freunde und Familie wiederzusehen und in der Heimat zu sein, aber wenn man an Land Bilder von denen sieht, die noch an Bord sind, wird man einfach nur neidisch. Mit meiner Freundin war es danach auch gelaufen. Ich wollte erst nicht glauben was mir damals mein Lehrer, der selbst jahrelang zur See gefahren ist, an der AFZ-Schule gesagt hatte, aber er sollte Recht behalten: „Deine Freundin ist danach weg, da du dich veränderst und Beziehungen selten so eine lange Zeit getrennt voneinander aushalten“.

Wenn man sich gut angestellt hat, ist man aber auf der Flotte von Hapag Lloyd jederzeit wieder herzlich willkommen – ob nun als Help für ein oder zwei Reisen, sprich 26 Tage, oder für einen vollen Vertrag. Für mich war es die beste Entscheidung, zwei Verträge zur See gefahren zu sein, denn diese Erinnerungen und Freundschaften, die ich dort geschlossen habe, kann mir keiner nehmen. Macht euch euer eigenes Bild davon und überzeugt euch selbst! Ihr werdet mir nicht glauben, was ich euch alles an schönen Erlebnissen vorenthalten habe. Denn die schönsten Erinnerungen behält man am Ende tatsächlich für sich …

Bis dahin, euer Chris

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